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Liebes Tagebuch,

zunächst einmal Danke an Christoph der Dich eingerichtet und mich gelehrt hat, wie man so was als Junge ohne Erfahrungen aus der Pubertät macht. Ich muss mir allerdings direkt eingestehen, dass ich mit meinen Einträgen nicht immer ganz pünktlich sein kann, aber das ist in meinem restlichen Leben wie Du sicher weißt, auch nicht viel anders;-)

Wieso bin ich jetzt eigentlich hier in Vancouver und fahre morgen früh 9,5 Stunden mit dem Greyhound-Bus weiter in dieses kleine Dorf Valemount mitten in den Rockies, nahe dem Mount Robson, dem höchsten Berg Kanadas?
-Weil ich da diese lieben Freunde habe, Kaz und Pascal, sowie inzwischen auch ihren drolligen bald 2 jährigen und bilingualen Sohn Kai, die in Valemount leben. Kaz kommt aus dem Dorf, in dem auch noch ihre Familie lebt und die beiden zwei haben sich auf einem ersten 6-Wochen-Trip von Pascal und seinem Freund Marcel durch Kanada kennen und nach weiteren Treffen dieser Art auch lieben gelernt. Sie war auch mal ein Jahr in Deuschland und hat dort besser sprechen gelernt, als ich es von einigen Menschen in Deutschland kenne, die schon ihr halbes Leben bei uns verbringen. Diese Kleinfamilie war dann über Weihnachten mal wieder für 5 Wochen zu Besuch bei Familie und Freunden und machte auch bei Jenny und mir Station. Und wenn jemand wie Pascal, der gerade so ziemlich nach Kanada ausgewandert ist dann von mir hört, dass ich noch keine Perspektive im Anschluss an mein RunnersPoint Praktikum habe und dringend Englisch lernen muss, damit mich überhaupt jemand haben will, dann lässt der mal eben so einen Spruch raus: Dann mach doch bei mir Praktikum (er ist als Webdesigner selbständig, bringt damit die lokalen Institutionen ganz groß raus und braucht Unterstützung bei der Erstellung von Landschaftsaufnahmen) oder komm einfach vorbei, wir freuen uns! – Ich habe dann noch gefragt ab wann und wie lange denn… Wieder einfache Antwort: Flieg doch mit uns zurück und so ein halbes Jahr könntest Du schon bleiben...Nachdem mich dann viele Freunde davon überzeugt haben, dass ich das unbedingt machen sollte und mir meine Hartzer-Freunde von der ARGE Ratingen ja auch nicht direkt Knüppel zwischen die Beine geworfen haben, blieb mir ja schlicht keine andere Wahl.

So sitze ich jetzt in einem Starbucks in Vancouver Downtown, genieße meinen Vanilla Latte Grande und kriege nun auch langsam auf die Kette was ich hier gerade mache und dass ich jetzt mal weg bin für 3 Monate und versuche mein in der 12.2 schriftlich und danach ganz abgewähltes Lieblingsfach Englisch zu Pimpen.

Wie ihr schon gemerkt habt, ich schreibe oft lange Sätze, bei denen man schon mal den Anfang vergisst, aber das ist eben so, weder Frau Kühn, noch Herr Steup, Brasche oder final mein Prof konnten mir diese Leidenschaft nehmen – da müsst ihr also durch;-)

Jetzt aber mal chronologisch: Starten wollte ich eigentlich am Dienstag den 30.1. mit meiner neuen Lieblingsfluggesellschaft British Airways. Früher fand ich Mitbestimmung, Gewerkschaften und so (immerhin ja auch Thema meiner DA) ja ein wenig gut, aber wenn dann plötzlich der Flug aufgrund streikender Fluglotsen gestrichen wird, dann überdenkt man so einiges… Kurzerhand habe ich dann mal auf den 1.2. umgebucht, da dann der Streik überstanden sein sollte. Natürlich hat das dann super geklappt und natürlich ist es auch super, wenn man dann in einer restlos ausgebuchten 747 sitzt, weil man mit dieser Umbuchung natürlich nicht alleine war. Wäre aber alles nicht so schlimm gewesen, hätte mich die reizende Flugbegleiterin auf dem Zubringerflug nach London nicht so bereitwillig darüber informiert, dass BA und die Gewerkschaft sich doch noch kurzfristig geeinigt hätten, der Streik ausgefallen ist und die Maschinen so leer waren, dass jeder Passagier mindestens 3 Sitzplätze zum Liegen hatte…- ein kleiner Traum, der mich bei dem bisher von niemandem erreichten Ziel beflügelte, die Biervorräte an Bord erschöpfend zu bearbeiten.

Dafür hat der Transfer zu dem ergoogelten Cambie-Hostal „im Herzen von Downtown Vancouver“ reibungslos geklappt, ebenso wie meine Doppelzimmerwahl mit Etagenbett. Steve mein Zimmerkollege aus Ottawa, etwa 40 und eigentlich ganz nett, hat mich echt Nerven gekostet und ich habe in dieser Nacht nicht nur einmal daran gedacht, ob die Inhalte meiner Erklärung zur Verweigerung des Kriegsdienstes, meinen aktuellen Gedanken und Absichten entsprechen. Als ich nach einem kleinen Spaziergang dann gegen 21h Ortszeit ins Bett gehen wollte und ein wenig gerädert war, schlief er schon wie ein baby zusammengerollt in Embryonalstellung und Anziehsachen auf der unteren Etage des Doppelbetts. Einzig die Socken hatte er sich ausgezogen, die waren wohl vom Fußschweiß etwas feucht geworden und so hatte er sie über die Heizung gehängt und diese voll aufgedreht. – So einen Geruch habe ich noch nicht erlebt,unbeschreiblich und das bei gut 30 Grad in dem kleinen Raum in dem ich nun unter der Zimmerdecke schlafen musste (zum Vergleich: der Pumakäfiggeruch bei Carsten, als wir mit 6 Jungs nach einem Tag Oktoberfest eine Nacht verbracht haben, war eine Wohltat dagegen). Herzlichen Glückwunsch und willkommen in Kanada dachte ich mir, aber es gibt Schlimmeres, also Fenster auf, Heizung aus und ab dafür, schläfst eh direkt ein. Denkste!! Kaum nach oben geklettert dreht sich der Kerl durch meine Erschütterung geweckt auf den Rücken und beweist mir, dass er nicht nur stinken kann sondern auch nordamerikanischer Schnarchweltmeister ist. Große Klasse ist das, wenn man sich noch der Abflugsortuhrzeit von 6 Uhr morgens verbunden fühlt, vom tag einerseits total durch den Wolf gedreht, andererseits der Körper aber schon ein wenig denkt, dass er eigentlich schon wieder aufstehen könnte und gar nicht mehr so richtig müde ist…- zu diesem Zeitpunkt fand ich es war definitiv ein großer Traum und eigentlich hätte ich zum Bund gemusst. Als der Typ dann gegen 6h morgens Ortszeit Vancouver dann aufstand, schnarchlaut seine Sachen zusammenpackte und verschwand, war ich, obwohl gerade endlich mal so richtig in einer Tiefschlafphase, einfach nur glücklich.

Nach einem herrlichen Continental Frühstück mit Rührei, Sausages, Bratkartoffeln mit Käse überbacken und ner Menge Ketchup fühlte ich mich aber dann am nächsten morgen wie neu geboren. Katerfrühstück hilft also auch in diesem besonderen Fall, besonders wenn draußen schon die Sonne bei knapp unter 0 Grad scheint und Vancouver mir damit eine kleine Entschädigung für meinen ersten Eindruck entgegenbringen möchte. So war ich dann den ganzen tag über zu Fuß unterwegs. Es ist neben Amsterdam die einzige Großstadt, die mir lebenswert erscheint. Ein ganz interessanter Mix zwischen hochmodernen Glasfassaden-Towern, gemütlichen Cafés und Pubs, Wohlstand, Multi-Kulti durch Schwarze,Weiße und vielen Asiaten, die hier sehr friedlich gemeinsam und nicht nebeneinander leben. Shopping geht hier auch recht gut liebe Frauen, aber der riesige Vorteil Vancouvers ist vor allem seine einmalige Lage. 15 Minuten vom Zentrum ist eine Halbinsel mit Sandstrand und Wald in der Mitte, direkt daran der Yachthafen für die spontane Tour auf den Pazifik und ringsherum die Skyline der schneebedeckten Rockies. Whistler-Blackcomb ist nur 2 Autostunden entfernt, wenn man mal spontan Lust auf ein wenig Wintersport bekommt… Eigentlich wollte ich genau dahin auch zunächst fahren, aber das Wetter ist schlicht zu cloudy und foggy, so werde ich das später mal nachholen und nun morgen früh eben mit dem Fernreisebus dieser tollen Stadt den Rücken kehren und nach Valemount fahren, wo wohl gerade muckelige -20 Grad sind und mich dann mal spontan im Dorf erkundigen wo Kaz und Pascal wohnen, eine Adresse habe ich nämlich nicht – so sind sie die Kanadier, uns in einer entspannten Lebensweise meilenweit voraus.

4.2.07 04:32


Während ich nun gerade gemütlich durch die Rockies geschaukelt werde und sehr angenehm überrascht davon war, wie gut ich heute morgen um 5.15h aufstehen konnte um den Bus zu bekommen – 9 Stunden Zeitverschiebung müssen ja auch irgendeinen Vorteil haben – habe ich die vielen Bilder und Eindrücke von Vancouver weiter versucht zu verarbeiten. Diese wirklich inmitten atemberaubender Natur gelegene Stadt hat trotz ihres Großstadtdaseins eine beruhigende und entspannende Wirkung. Sonst fühle ich mich in Großstädten allein durch die vielen Menschen, den Verkehr, die Enge, den Lärm und allen anderen Einflüsse in der Koordination meiner Sinneswahrnehmungen schnell überfordert – hier war das anders und ich denke es liegt an dem Ausgleich zwischen Stadt und Natur, der allgegenwärtig ist und in fast jeder Blickperspektive erfüllt ist. Das gilt auch für die hier lebenden Menschen, die nicht großstadttypisch hauptsächlich auf ihr eigenes Überleben programmiert sind: hier ein nettes Lächeln, da hält jemand die Tür auf, jeder so hatte ich das Gefühl nimmt sich trotz oder gerade aufgrund meiner sprachlich schlecht gestellten Fragen gerne Zeit, sie sogar für mich verständlich zu beantworten.
Viele Pärchen sind hier unterwegs – und zwar mit Kindern!! – die scheinen hier also nicht nur wie wir Spaß am vermeintlichen Kinder machen zu haben, sondern die bekommen sie hier sogar tatsächlich und scheinen damit rechtl glücklich zu sein… Und diese Pärchen sind auch mindestens zur Hälfte ein Mix aus den benannten Hautfarben und dementsprechend sehen hier auch viele Kinder und Jugendliche aus – eine richtige Multi-Kulti-Stadt eben. Nur einen Partner-Mix habe ich nie gesehen: Schwarze Frau mit Asia Mann – warum auch immer, vielleicht weißt Du die Antwort liebes Tagebuch, wahrscheinlich haben die sich immer nur vor mir versteckt;-)
Eins muss man den Amerikanern ja lassen, diese übertriebene und aufgesetzte Höflichkeit und Freundlichkeit geht einem zwar irgendwie auf den Keks, gerade wenn man fast minütlich auf sie trifft, aber wenn an zum 50. mal am Tag sagen muss, dass es einem „very fine, thank you“ geht – dann glaubt man irgendwann selbst dran. Auch wenn man mal müde oder einfach etwas schlechtlaunig ist – die Einheimischen lassen das einfach nicht zu in ihrem Land, muffig zurückraunzen geht einfach nicht. Also alles etwa so wie nach einem Wal-Mart Besuch bei uns.
Viele Dinge, die unter die Kategorie amerikanische Dekadenz fallen, sind hier selbstverständlich auch am Start. Alles ist auch mit den typisch übergroßen und Benzinfressern zu erreichen, ohne Aussteigen versteht sich, vor jedem Café und Restaurant kann man auch im Winter draußen essen, denn die fest installierten Elektro-Heizstrahler laufen ja ständig und in en Supermärkten sind Lebensmittel so teuer, dass Fast-Food morgens, mittags, abends und noch mal zwischendurch, als Königsweg zum Geld sparen einlädt - kind a strange irgendwie. Aber auch das ist in der Folge für die meisten Vancouverianer offensichtlich kein großes Problem, denn sie lieben wohl Sport und Laufen, Walken, Inlinen oder haben einen Eishockey-, Tennis-, oder Badmintonschläger in ihrer Sporttasche. Figuren sind also etwa so attraktiv wie die von Westeuropäern und für die Gesichter ergeben sch durch die erfolgreichen intercolour-Kopulationen sehr reizvolle Neukreationen.
Es ist aber auch eine Stadt die immer weiter expandiert und zumindest in Downtown fast keine Wohnung mehr unter rund 300.000€ zu bekommen ist – hier lebt auch wirklich nur die Kö-Population Kanadas. Viele Baustellen und sich im Bau befindende weitere Glaspaläste die in den Himmel regen sind Zeuge einer ungebrochenen Nachfrage, hier seinen Lebensmittelpunkt haben zu wollen und weiteres Zeichen der nationalen und internationalen Popularität dieser Stadt. Mir sind aber auch eine unglaublich hohe Anzahl an Obdachlosen aufgefallen, die bei Temperaturen um den Gefrierpunkt - und nachts deutlich darunter – fast überall einen Platz zum Schlafen und Betteln suchen und finden. Abends im Hostal habe ich mit einem Streetworker aus Vancouver darüber diskutiert und er erklärte mir, dass dies fast alle Obdachlosen aus ganz Kanada seien und sie nur im Winter hier sind, weil dann hier das Klima verglichen mit dem restlichen Land am mildesten ist. Für diesen Fall sind es dann auch verhältnismäßig wenige „Obdachlosenzugvögel“.

Aber irgendwie sehnte ich mich nun nach dem beschaulichen Leben in einem kleinen Dorf ohne all diesen Trubel und bin eben aus Wetter- und diesen Gründen abgereist.
Es fahren ganz unterschiedliche Menschen im Greyhound mit. Erwachsene Einheimische, die bei diesem Schneetreiben ihr Auto aus Sicherheitsgründen nicht mehr selbst bedienen wollen und sich dafür aber vermutlich ehemaligen Rallyfahrern ohne materielle Erbmasse und Familie, verkleidet als Busfahrer ausliefern. Oder Weltreisende von allen Kontinenten, bis hin zu einheimischen Jugendlichen die ausnahmsweise dann von den Rallybusfahrern vor der Haustür abgesetzt werden. Einen davon mit Schultasche und Snowboard fand ich besonders beeindruckend, weil er eine dicke Daunenjacke anhatte, dazu aber eine kurze Hose. Und zwar über dem Knie kurz.
Die Schneelandschaft rauscht also vorbei, der lebensmüde Busfahrer macht Überholmanöver auf dem völlig verschneiten, vereisten und dadurch nur noch 1,5-spurigen Highway. Auf der bergigen und kurvigen Strecke werden aber seltenst Autos überholt, meist handelt es sich um diese niedlichen, aber zu Recht auch Road-Trains genannten 60t LKWs mit zwei Anhängern – sehr spaßig. Ich dachte nicht nur nach einem Manöver darüber nach, einen dieser Anerkennungsklatscher zu starten, die im Flugzeug nach der Landung ja nur noch ältere Frauen zelebrieren (Anmerkung: Der Pilot ist in einer geschlossenen Kabine) und das obwohl ich eigentlich der Meinung war, diesbezüglich schon auch aufgrund meiner eigenen Fahrweise einigermaßen hart im Nehmen zu sein.
Während der Fahrt und mit zunehmender Fahrtdauer stellte sich bei mir bezüglich meines Gepäcks traditionell (als ich vor drei Jahren mit Jenny dieselbe Route zweimal befuhr war es exakt genau so) ein leichtes Unwohlsein, und trotz meines großen und häufig zu großen Urvertrauens in andere Menschen, in Form von finanziell schmerzhaften Verlustängsten ein. Denn an jeder Station wird so viel Gepäck (auch Post, Lieferungen, etc.) ein- und ausgeladen und eigentlich kann sich jeder fast nehmen was er möchte. Nach der Hälfte der Strecke in Kamloops habe ich dann mal einen Blick in die Gepäckstauräume unten im Bus gewagt, der mich beruhigen sollte. Meinen Rucksack und meine große Tasche konnte ich hinter anderem Gepäck erahnen und in Erinnerung an alte zu Unrecht gemachte Sorgen, musste mein Snowboardbag dann sicher auch noch dort irgendwo drunter sein. Ein so richtig entspanntes Weiterreisen erlaubte mir dieser Einblick jedoch nicht und selbst die sonst so von mir geliebten Bluberry-Bagels (für alle Nicht-Nordamerikaner, das sind runde Teigwaren ähnlich wie Donuts, aber etwas größer, meist herzhaft, manchmal sogar mit Körnern und der beste Brot/Brötchenersatz für uns diesbezüglich sehr verwöhnte Deutsche) konnten nur wenig Abhilfe schaffen. Dazu trägt auch die Angabe der Gesellschaft bei, für einen Gepäckverlust nur mit maximal 100 Kanadischen Dollar zu haften, was etwa 65€ entspricht und im Normalfall gerade mal für die Tasche selbst reichen dürfte. An der letzten Station Blue River vor meinem Ziel Valemount, habe ich wiederum in das nun schon deutlich geleerte Gepäckfach Einblick gehalten und dann mein Snowboardback als einziges der drei Gepäckstücke wiederum nicht entdecken können. Hab dann mal den Rally-Busfahrer gefragt, ob er mal alle Fächer öffnen konnte, tat er auch etwas mürrisch, doch auch da war es leider nicht zu sehen. Da war es dann mit meiner Vorfreude und sehr guten Laune vorbei. Ich war einfach nur sauer, enttäuscht und traurig – aber besser aufpassen kann man auf die Sachen einfach nicht und so habe ich zumindest von Selbstvorwürfen abgesehen. Meine kanadischen Freunde nannten diese Tasche später mein Kanada-Fun-Bag, weil dort nicht nur meine komplette Snowboardausrüstung mit Schuhen, Bindung und Board, sondern auch noch meine Kletterausrüstung, Turnschuhe, neue Gamaschen, die gute Isomatte und der sehr hochwertige Daunenschlafsack aus Albatros-Zeiten war. Verdammt, Gesamtwert etwa das 15-fache des Erstattungsbetrags – ein kleiner Traum.
Der Busfahrer hatte als einzigen Kommentar in mein Canadian-Powder-weißes Gesicht übrig: „Ich kann da nichts machen, rufen Sie später in Valemount in der Zentrale an.“ Vielen Dank – wieso ist nun hier erstmalig und ausgerechnet genau in dieser Situation eine Dienstleistungswüste so groß wie die Sahara?
Die restlichen anderthalb Stunden der Fahrt nach Valemount hab ich mich dann hauptsächlich damit beschäftigt, meine Wut unter Kontrolle zu halten und nicht wieder beinahe gegen meine Verweigerungsgründe zu verstoßen und vor allem meine gute Laune und eigentliche 8Vor-)Freude des Morgens wieder zu erlangen. Aber was sollte ich gleich meinen Freunden einen vorjammern, wenn die vor drei Monaten nach dem Niederbrand ihres Hauses mit sehr, sehr wenig Gepäck nach Deutschland gereist kamen und die haben nicht nur ein paar wieder beschaffbare Sportsachen verloren. Ich habs um es vorwegzunehmen einigermaßen hinbekommen, netterweise haben sie mich an der Greyhound-Station mit dem Auto abgeholt und sich genau wie ich dann riesig gefreut – besonders weil sie bis zuletzt nicht an mein Kommen geglaubt haben, hatte es zuvor schon zu oft angedroht. Kaz hat dann auch direkt den Kontakt, eine ehrlichere Beschreibung wäre die Konfrontation mit dem Busfahrer aufgenommen und diese am Abend und dem nächsten Morgen telefonisch mit für mich anscheinend dem halben Unternehmen weitergeführt. Die Resonanz war allerdings sehr ernüchternd, frühestens in 5 Tagen wäre mit einer Antwort zu rechnen – Willkommen in den Rockies, dann eben hauptsächlich arbeiten und eben no Fun ohne Fun-Bag.

Weil das alte Zuhause meiner Gastfamilie wie beschrieben in Flammen aufgegangen ist, haben sie den Januar über bei Kaz Eltern in einem Haus direkt am Berg gewohnt und konnten erst jetzt Anfang Februar in das neu und noch nicht ganz fertig ausgebaute Holzhaus eines Freundes zur Miete einziehen. Es ist aus massiven Holzstämmen gebaut und sehr gemütlich, leider hat es keinen Kamin oder Holzofen, das morgige Holzhacken musste also auch hier der kanadischen Bequemlichkeit weichen. Ich bewohne einen ausgebauten Raum im Keller. Der ist zwar noch komplett leer, wird nun aber nach und nach mit Mobiliar bestückt, dafür habe ich unten ein nur von mir genutztes und wohlbemerkt nagelneues Bad.
Der erste Tag verging sehr entspannt mit Tasche auspacken, Kochen und Essen, Einkaufen gehen – als Pascal und ich wiederkamen blinkte der AB und Pascal hörte ihn ab, ich war grad in der Küche. Lass mal zur Greyhound-Station fahren, die haben vielleicht dein Bag gefunden, hier ist so einen Nachricht drauf sagte er dann plötzlich breit grinsend. Den Tag über hatte ich den Verlust schon versucht so gut es geht zu verdrängen und mich mit der Situation abzufinden versucht. Wenn es wieder auftaucht, sieh es als ein Geschenk, denn zu erwarten ist es nicht, erst recht nicht nach den Eindrücken die Kaz Telefonate von diesem Chaosunternehmen ergeben hatten. Also ab zur Station und ich hab mich schon sooo gefreut und war gespannt, wie ein Kind am heiligen Abend. Pascal meinte er würde es erst glauben wenn er es vor sich sehen würde – hat eben schon mehr Erfahrungen mit Kanadiern und Greyhound. Doch es war tatsächlich da, vollkommen unversehrt und ich wollte irgendwie die ganze Welt umarmen. Da aber grad nur Pascal da war hat er die volle Ladung Freude abbekommen;-) Es war für mich wirklich wie Geburtstag und FCB-Meisterschaft in einem und bei nun notwendigem Feiern fiel mir seltsamerweise nur ein herrlicher Überkonsum Alkohol ein – leider, zumindest in diesem Moment der endorphinüberdosisgeschwängerten Glückseeligkeit, trinken weder Kaz noch Pascal Alkohol und so sind wir ein richtig dickes Eis essen gegangen,herrlich, berauscht vor Freude und Erleichterung war ich trotzdem den ganzen Abend über. Und die größte Belohnung war eh schon das Snowboardbag zu öffnen und sich über jeden einzelnen so sorgfältig zusammengekauften Gegenstand zu freuen, als hätte man ihn gerade neu geschenkt bekommen. Also alles wieder da, der Spaß kann nun endgültig beginnen. Auch hier haben mich die Kanadier als pessimistischen und überkritischen Europäer also wieder durchschaut und haben es geschafft, dass ich mich glücklicher und dankbarer fühle, als wenn alles einfach langweilig glatt gegangen wäre.
Liebes Tagebuch wunder dich bitte nicht, ich bin es immer noch: André – mache grad nur viel Sport, orientiere mich an den Grundbedürfnissen des Menschen, ernähre mich vernünftig und trinke keinen Alkohol und komme etwas innerlich zur Ruhe…

9.2.07 20:44


Da bin ich am dritten kanadischen Abend doch tatsächlich rückfällig geworden. Wir sind mit dem Auto zu Kaz Eltern gefahren, die auf einem kleinen Bauernhof am Hang des Mount McKirdy leben und dort wartete Tanaka, ein Freund des ebenfalls aus Japan stammenden Vaters von Kaz der diesen Monat zu Besuch ist, strahlend am Tisch sitzend auf mich –und zwar weil er mit mir ein Bier trinken wollte. Somit sind Tanaka und ich die einzigen mir momentan hier bekannten Personen, die überhaupt hin und wieder mal dieses Laster pflegen. Wir wollten eigentlich schon früher dort angekommen sein, aber die kanadische Entspanntheit lässt einen schon mal zu spät kommen – was hier aber nicht so empfunden wird. Mein großer Respekt gebührt nun aber Tanakas asiatische Höflichkeit, die ihn anderthalb Stunden tapfer warten ließ seine eine kleine Flasche Bier zu trinken, ohne zu wissen, ob ich überhaupt mit ihm anstoßen würde. Kurzum, ich habe mich dann sehr gerne erbarmt und ihn damit sehr glücklich gemacht. Ein Bier trinken und andere Menschen damit glücklich machen, das hört sich eigentlich recht gut an.
Familie Herowe bewohnt diesen Bauernhof nahezu autark. Wasser entnehmen sie dem nahe gelegenen Bach in herrlichster Qualität und elektrische Energie speisen sie aus einem kleinen privaten Wasserkraftwerk von weiteren Verwandten am Fuße des Bergs. Sie halten ein paar Hühner und Kühe, die restlichen naturbelassenen Lebensmittel kommen aus dem Garten. Das wenige Geld was darüber hinaus für Werkzeug, Anziehsachen, Sprit, etc. benötigt wird, verdient der Vater mit Shiatsu-Massagen an Begeisterten und Bedürftigen im Dorf. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie sie das mit wenig Geld zur Unterstützung des gesellschaftlichen Konsumdrucks mit vier wahrlich glücklichen Kindern hinbekommen haben. Dabei haben diese meiner Einschätzung nach ausnahmslos nichts wirklich Wichtiges in ihrem Leben verpasst. Vielleicht haben sie sogar die wirklich wichtigen Dinge des Lebens viel intensiver erlebt und leben sie heute auch noch genauso weiter. Familie, Freunde und die Natur machen Spaß und sind das am wichtigsten zu schützende und pflegende Gut.
Viel von dem, was wir in unserer Kindheit und Jugend anscheinend gebraucht und für soooo wichtig gehalten haben war hier und auch bei anderen Familien des Dorfes, die ich inzwischen kennen gelernt habe, nie da. Trotzdem zieht es die Kinder alle aus dem kleinen Dorf nach der Schule weg, die Welt zu erkunden – aber sie bleiben sich immer treu, nur eben teilweise später woanders.
Kaz war gestern Abend arbeiten, in einem Restaurant namens „Caribou Grill“ mit leckerer Küche und einer fürsorglichen Familie, die jeden Tag ab 17h Einheimische, Holzarbeiter, Skee-Doo-Touristen und Durchreisende gastfreundlich in ihr gemütliches Holzblockhaus einlädt. Dort gibt es als besondere Spezialität Steaks in hervorragender Qualität von allen Tieren die hier in den Wäldern so ihr Unwesen treiben. Nur die wenigsten Kanadier haben hier überhaupt eine Ausbildung, geschweige denn ein abgeschlossenes Studium, doch haben sie mit Einsatz und learning-by-doing unbegrenzte Möglichkeiten trotzdem angenehme, interessante Jobs zu machen und die obendrein noch mit deutlich höheren Verdiensten versüßt sind. Kaz beispielsweise bedient in dem Restaurant und bekommt etwa 5€ die Stunde von den Inhabern als festen Lohn. Den viel größeren Teil aber machen die „Tips“ (Trinkgelder) hier aus, sie findet es also nicht mehr eine besondere Erwähnung wert, wenn sie an einem normalen Abend in ihren 6 Stunden Arbeitszeit bis 24h etwa 140€ zusätzlich an Tips bekommen hat – ist natürlich unversteuert und so bleiben durchschnittlich für diese Arbeit etwa 25€/h übrig. Punkt. Damit geht es auch ganz gut eine Familie zu haben, man kommt hier wirklich recht leicht über die Runden und es gibt hier noch so viele Möglichkeiten sich selbständig zu machen und Dinge nach vorne zu bringen. Sogar für mich nach dieser kurzen Zeit sehr offensichtliche Marktlücken die nur so darauf warten genutzt zu werden und Menschen nicht nur in Lohn und Brot zu bringen. Allerdings muss man auch sagen, dass die Lebensmittel hier deutlich teurer sind als in Europa, hier „auf dem Land“ kostet alles verglichen mit Deutschland durchschnittlich etwa das Doppelte. Wobei mir wieder einmal aufgefallen ist, dass im von einer schlechten Regierung nach der anderen heruntergewirtschafteten Land des Sommer- und Wintermärchens, die Preise und Qualität der Lebensmittel, verglichen mit anderen erste Welt-Staaten unschlagbar sind. Wenn sie es jetzt noch hinbekommen, den Alkohol nicht nur in den, mit einer vom Staat ausgestatteten Lizenz privilegierten „Liquor Stores“ zu verkaufen, muss auch nicht mehr jeder 3. Kanadier in seinem Keller eine kleine Hanf-Farm unterhalten. Aber die hiesigen Energieversorger arbeiten hier sehr eng mit der Drogenfahndung zusammen und geben dann über extrem hohe Energieverbräuche von möglichen „Bauern“ und „Taschengeldaufbesserern“ bereitwillig Auskunft. Am Donnerstag hat Kaz von ihrer Chefin noch einige Kilo feines Moose-Fleisch (Elch) mitbekommen. Inzwischen haben wir schon zweimal davon gegessen und ich muss sagen – sehr lecker. Ein sehr zartes Fleisch mit etwas schwächerem Wildgeschmack, sehr zart und macht Spaß zu essen weil man weiß, wie und wo dieses Tier lange Zeit glücklich gelebt hat. Was ist sonst noch so passiert in den ersten Tagen, ich bleibe auch hier in Valemount nicht von den herrlichen Köstlichkeiten wie Blueberry-Muffins und Blueberry-Pancakes verschont, denn Kaz kann sie einfach auch gerne täglich einfach viel zu lecker zubereiten.
Als Familienmitglied genieße ich die vielen schönen Momente mit einem 21 Monate alten Kind im Haus und bin irgendwo zwischen erstaunt und eifersüchtig, wie schnell Kai Deutsch und Englisch lernt und ich mir bei meinen Englischversuchen manchmal doch recht unbeholfen vorkomme. In einem noch fast leeren Gehirn ist wahrscheinlich einfach noch viel mehr Platz;-) Ist aber auch mal sehr interessant so hautnah mitzubekommen, wie sehr ein Kind den Alltag bestimmt und manchmal nur noch sehr wenig Platz für eigene Interessen lässt. Für die letzte Woche gilt das übrigens auch einschließlich der Nächte, weil Kai da unter einer ordentlichen Erkältung zu leiden hatte, eigentlich ungefähr genau 24 Stunden täglich, sehr spaßig wenn die Mama selbst krank ist und selbst einfach nur fertig ist und schlafen will. An dieser Stelle möchte ich, vielleicht ist es etwas ungewöhnlich aber mir sehr bewusst geworden und mir sehr wichtig, meinen Eltern, vor allem aber meiner Mama für ihre Geduld und Ruhe bei meiner Erziehung danken. Für das Zurückstecken eigener Wünsche, Hobbys ,Aktivitäten und die Aufgabe ihrer beruflichen Tätigkeit. Wenn man mal nur so ein paar Stunden ein Kind gewissenhaft betreut, erzieht und parallel noch Aufräumen, Einkaufen, Kochen und dabei noch gut aussehen soll, dann kommt man sehr schnell an seine organisatorischen Grenzen. Familienmanager/in trifft die Sache sehr gut denke ich und denjenigen sollte mehr Anerkennung und Respekt entgegengebracht werden, meinen haben sie jetzt jedenfalls. Schade dass man so was manchmal erst selbst erleben muss.
Getz aba mal zur Maloche, dem Grund warum ich neben der englischen Sprache eigentlich hier eingeflogen bin. Weil der Pascal eben so ein erfolgreicher Webdesigner ist und aufgrund des Kapitals dieser Gegend hier - der Natur – sehr viel mit Landschafts-, Tier-, Sportaktions-, und Immobilienaufnahmen zu tun hat, die er selbst kaum bewältigen kann, fühlte ich mich ja bekanntlich verpflichtet, ihm ein wenig unter die Arme zu greifen. Eine seiner aktuell noch in der Probephase steckenden Phototechnik liegt in der 360 Grad Photografie, die insbesondere mein Aufgabengebiet darstellt. Hier werden von einem bestimmten Punkt mit guter Rundumsicht knapp 20 Fotos geschossen und anschließend mit einem Programm namens „Stitcher“ bearbeitet und zusammengefügt. Als Ergebnis erhält man einen perfekten Rundumblick in alle Richtungen, was auf Berggipfeln, in repräsentativen Räumlichkeiten, etc. eben einen sehr guten Eindruck geben kann. Ein Kunde eines Hotels kann dann schon auf der jeweiligen Homepage einen sehr vollständigen Eindruck über  beispielsweise die Präsidentensuite, die Sonnenterrasse oder den Fitnessbereich gewinnen. Und genau dies ist momentan vornehmlich meine sehr anspruchsvolle Arbeit, denn diese virtuellen Graphiken sind in ihrer Erstellung sehr aufwendig, damit auch teuer und schließlich Aushängeschild eines Unternehmens. Damit sind auch viele Korrekturarbeiten an den Photos verbunden, die mit Photoshop gemacht werden. Bin gerade noch bei der Einarbeitung und spiele mit den unendlichen Möglichkeiten (erster Versuch ist ja auch als Header auf dieser Seite gelandet, wird aber noch verbessert&hellip dieses tollen Programms herum um dann mehr und mehr Arbeiten selbständig übernehmen zu können. Überhaupt macht die Arbeit mit hervorragendem Material wie es Pascal gerade dafür angeschafft hat einfach ne Menge Spaß. Eine sehr edle digitale Spiegelreflex ( bei der ich täglich überlege, nicht mal nen kleinen Versicherungsbetrug über meine frisch abgeschlossene Haftpflichtversicherung zu starten&hellip, das spezielle Stativ und natürlich der Mac. Für Laien auch Apple PC, mit dem alles einfacher und schneller geht, mein nächster wird einer, kann ich ja hoffentlich bald auch von der Steuer absetzen;-) Mein erster Auftrag ist letzten Freitag glücklicherweise sehr reibungslos gelaufen, die Photos waren sehr gut und ließen sich sehr gut verarbeiten. Die neue Homepage mit den Ergebnissen geht diese Woche online, der Link wird nachgereicht. Quasi als Beweis liebes Tagebuch, dass ich hier durchaus sehr tätig bin! Habe da eine kleine Cabin (Ferienhaus) abgelichtet, von einem unglaublichen Typen. Er ist selbst Holzfäller gewesen und hat nun sechs von diesen Häuschen in kompletter Eigenarbeit mit viel Spaß und Detailverliebtheit aus Holz erstellt. Dann waren es insgesamt 3 Jahre Bauzeit - auch hier großen Respekt, besonders wenn man bedenkt, dass ihm seit einem Unfall vor einigen Jahren die linke Hand fehlt!
Ansonsten, lebensgefährliches Rodeln haben Pascal und ich betrieben, das geht hier recht gut. Wahlweise benutzen wir dafür unsere blauen etwa 50cm durchmessenden Rodelteller namens „Twister“, wobei hier der Name Programm ist und ein rückwärtiges, kontrolliertes Ausweichen bei doppelter Lichtgeschwindigkeit manchmal unnötig erschwert, oder dem „GT“, einem Lenkschlitten mit Sitz und zwei Kufen. Auch darauf, zu zweit und mit einem Seil hinter dem Auto mit deutlich über 35km/h auf der verschneiten Straße gezogen, erlebt man so einige atemberaubende Momente, besonders im Dunkeln (Gruß an Mama, bleib cool). Solche Aktionen sind immer mal zum spontanen Austoben sehr willkommen und dank fußläufig fünfminütiger Entfernung der Berge eine willkommene Abwechslung vom Bildschirm. Jetzt geht’s aber mal ab ins Bett, morgen versuchen wir mal ein Auto für mich fit zu bekommen und dieses Mal hoffe ich liebes Tagebuch, wird es bis zum nächsten Eintrag nicht so lange dauern, denn ich muss Dir noch dringend von den Erlebnissen mit unseren Gästen aus Bochum in den letzten 4 Tagen berichten und dann hoffentlich auch endlich mit Photobeweis!!

21.2.07 09:00





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