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Während ich nun gerade gemütlich durch die Rockies geschaukelt werde und sehr angenehm überrascht davon war, wie gut ich heute morgen um 5.15h aufstehen konnte um den Bus zu bekommen – 9 Stunden Zeitverschiebung müssen ja auch irgendeinen Vorteil haben – habe ich die vielen Bilder und Eindrücke von Vancouver weiter versucht zu verarbeiten. Diese wirklich inmitten atemberaubender Natur gelegene Stadt hat trotz ihres Großstadtdaseins eine beruhigende und entspannende Wirkung. Sonst fühle ich mich in Großstädten allein durch die vielen Menschen, den Verkehr, die Enge, den Lärm und allen anderen Einflüsse in der Koordination meiner Sinneswahrnehmungen schnell überfordert – hier war das anders und ich denke es liegt an dem Ausgleich zwischen Stadt und Natur, der allgegenwärtig ist und in fast jeder Blickperspektive erfüllt ist. Das gilt auch für die hier lebenden Menschen, die nicht großstadttypisch hauptsächlich auf ihr eigenes Überleben programmiert sind: hier ein nettes Lächeln, da hält jemand die Tür auf, jeder so hatte ich das Gefühl nimmt sich trotz oder gerade aufgrund meiner sprachlich schlecht gestellten Fragen gerne Zeit, sie sogar für mich verständlich zu beantworten.
Viele Pärchen sind hier unterwegs – und zwar mit Kindern!! – die scheinen hier also nicht nur wie wir Spaß am vermeintlichen Kinder machen zu haben, sondern die bekommen sie hier sogar tatsächlich und scheinen damit rechtl glücklich zu sein… Und diese Pärchen sind auch mindestens zur Hälfte ein Mix aus den benannten Hautfarben und dementsprechend sehen hier auch viele Kinder und Jugendliche aus – eine richtige Multi-Kulti-Stadt eben. Nur einen Partner-Mix habe ich nie gesehen: Schwarze Frau mit Asia Mann – warum auch immer, vielleicht weißt Du die Antwort liebes Tagebuch, wahrscheinlich haben die sich immer nur vor mir versteckt;-)
Eins muss man den Amerikanern ja lassen, diese übertriebene und aufgesetzte Höflichkeit und Freundlichkeit geht einem zwar irgendwie auf den Keks, gerade wenn man fast minütlich auf sie trifft, aber wenn an zum 50. mal am Tag sagen muss, dass es einem „very fine, thank you“ geht – dann glaubt man irgendwann selbst dran. Auch wenn man mal müde oder einfach etwas schlechtlaunig ist – die Einheimischen lassen das einfach nicht zu in ihrem Land, muffig zurückraunzen geht einfach nicht. Also alles etwa so wie nach einem Wal-Mart Besuch bei uns.
Viele Dinge, die unter die Kategorie amerikanische Dekadenz fallen, sind hier selbstverständlich auch am Start. Alles ist auch mit den typisch übergroßen und Benzinfressern zu erreichen, ohne Aussteigen versteht sich, vor jedem Café und Restaurant kann man auch im Winter draußen essen, denn die fest installierten Elektro-Heizstrahler laufen ja ständig und in en Supermärkten sind Lebensmittel so teuer, dass Fast-Food morgens, mittags, abends und noch mal zwischendurch, als Königsweg zum Geld sparen einlädt - kind a strange irgendwie. Aber auch das ist in der Folge für die meisten Vancouverianer offensichtlich kein großes Problem, denn sie lieben wohl Sport und Laufen, Walken, Inlinen oder haben einen Eishockey-, Tennis-, oder Badmintonschläger in ihrer Sporttasche. Figuren sind also etwa so attraktiv wie die von Westeuropäern und für die Gesichter ergeben sch durch die erfolgreichen intercolour-Kopulationen sehr reizvolle Neukreationen.
Es ist aber auch eine Stadt die immer weiter expandiert und zumindest in Downtown fast keine Wohnung mehr unter rund 300.000€ zu bekommen ist – hier lebt auch wirklich nur die Kö-Population Kanadas. Viele Baustellen und sich im Bau befindende weitere Glaspaläste die in den Himmel regen sind Zeuge einer ungebrochenen Nachfrage, hier seinen Lebensmittelpunkt haben zu wollen und weiteres Zeichen der nationalen und internationalen Popularität dieser Stadt. Mir sind aber auch eine unglaublich hohe Anzahl an Obdachlosen aufgefallen, die bei Temperaturen um den Gefrierpunkt - und nachts deutlich darunter – fast überall einen Platz zum Schlafen und Betteln suchen und finden. Abends im Hostal habe ich mit einem Streetworker aus Vancouver darüber diskutiert und er erklärte mir, dass dies fast alle Obdachlosen aus ganz Kanada seien und sie nur im Winter hier sind, weil dann hier das Klima verglichen mit dem restlichen Land am mildesten ist. Für diesen Fall sind es dann auch verhältnismäßig wenige „Obdachlosenzugvögel“.

Aber irgendwie sehnte ich mich nun nach dem beschaulichen Leben in einem kleinen Dorf ohne all diesen Trubel und bin eben aus Wetter- und diesen Gründen abgereist.
Es fahren ganz unterschiedliche Menschen im Greyhound mit. Erwachsene Einheimische, die bei diesem Schneetreiben ihr Auto aus Sicherheitsgründen nicht mehr selbst bedienen wollen und sich dafür aber vermutlich ehemaligen Rallyfahrern ohne materielle Erbmasse und Familie, verkleidet als Busfahrer ausliefern. Oder Weltreisende von allen Kontinenten, bis hin zu einheimischen Jugendlichen die ausnahmsweise dann von den Rallybusfahrern vor der Haustür abgesetzt werden. Einen davon mit Schultasche und Snowboard fand ich besonders beeindruckend, weil er eine dicke Daunenjacke anhatte, dazu aber eine kurze Hose. Und zwar über dem Knie kurz.
Die Schneelandschaft rauscht also vorbei, der lebensmüde Busfahrer macht Überholmanöver auf dem völlig verschneiten, vereisten und dadurch nur noch 1,5-spurigen Highway. Auf der bergigen und kurvigen Strecke werden aber seltenst Autos überholt, meist handelt es sich um diese niedlichen, aber zu Recht auch Road-Trains genannten 60t LKWs mit zwei Anhängern – sehr spaßig. Ich dachte nicht nur nach einem Manöver darüber nach, einen dieser Anerkennungsklatscher zu starten, die im Flugzeug nach der Landung ja nur noch ältere Frauen zelebrieren (Anmerkung: Der Pilot ist in einer geschlossenen Kabine) und das obwohl ich eigentlich der Meinung war, diesbezüglich schon auch aufgrund meiner eigenen Fahrweise einigermaßen hart im Nehmen zu sein.
Während der Fahrt und mit zunehmender Fahrtdauer stellte sich bei mir bezüglich meines Gepäcks traditionell (als ich vor drei Jahren mit Jenny dieselbe Route zweimal befuhr war es exakt genau so) ein leichtes Unwohlsein, und trotz meines großen und häufig zu großen Urvertrauens in andere Menschen, in Form von finanziell schmerzhaften Verlustängsten ein. Denn an jeder Station wird so viel Gepäck (auch Post, Lieferungen, etc.) ein- und ausgeladen und eigentlich kann sich jeder fast nehmen was er möchte. Nach der Hälfte der Strecke in Kamloops habe ich dann mal einen Blick in die Gepäckstauräume unten im Bus gewagt, der mich beruhigen sollte. Meinen Rucksack und meine große Tasche konnte ich hinter anderem Gepäck erahnen und in Erinnerung an alte zu Unrecht gemachte Sorgen, musste mein Snowboardbag dann sicher auch noch dort irgendwo drunter sein. Ein so richtig entspanntes Weiterreisen erlaubte mir dieser Einblick jedoch nicht und selbst die sonst so von mir geliebten Bluberry-Bagels (für alle Nicht-Nordamerikaner, das sind runde Teigwaren ähnlich wie Donuts, aber etwas größer, meist herzhaft, manchmal sogar mit Körnern und der beste Brot/Brötchenersatz für uns diesbezüglich sehr verwöhnte Deutsche) konnten nur wenig Abhilfe schaffen. Dazu trägt auch die Angabe der Gesellschaft bei, für einen Gepäckverlust nur mit maximal 100 Kanadischen Dollar zu haften, was etwa 65€ entspricht und im Normalfall gerade mal für die Tasche selbst reichen dürfte. An der letzten Station Blue River vor meinem Ziel Valemount, habe ich wiederum in das nun schon deutlich geleerte Gepäckfach Einblick gehalten und dann mein Snowboardback als einziges der drei Gepäckstücke wiederum nicht entdecken können. Hab dann mal den Rally-Busfahrer gefragt, ob er mal alle Fächer öffnen konnte, tat er auch etwas mürrisch, doch auch da war es leider nicht zu sehen. Da war es dann mit meiner Vorfreude und sehr guten Laune vorbei. Ich war einfach nur sauer, enttäuscht und traurig – aber besser aufpassen kann man auf die Sachen einfach nicht und so habe ich zumindest von Selbstvorwürfen abgesehen. Meine kanadischen Freunde nannten diese Tasche später mein Kanada-Fun-Bag, weil dort nicht nur meine komplette Snowboardausrüstung mit Schuhen, Bindung und Board, sondern auch noch meine Kletterausrüstung, Turnschuhe, neue Gamaschen, die gute Isomatte und der sehr hochwertige Daunenschlafsack aus Albatros-Zeiten war. Verdammt, Gesamtwert etwa das 15-fache des Erstattungsbetrags – ein kleiner Traum.
Der Busfahrer hatte als einzigen Kommentar in mein Canadian-Powder-weißes Gesicht übrig: „Ich kann da nichts machen, rufen Sie später in Valemount in der Zentrale an.“ Vielen Dank – wieso ist nun hier erstmalig und ausgerechnet genau in dieser Situation eine Dienstleistungswüste so groß wie die Sahara?
Die restlichen anderthalb Stunden der Fahrt nach Valemount hab ich mich dann hauptsächlich damit beschäftigt, meine Wut unter Kontrolle zu halten und nicht wieder beinahe gegen meine Verweigerungsgründe zu verstoßen und vor allem meine gute Laune und eigentliche 8Vor-)Freude des Morgens wieder zu erlangen. Aber was sollte ich gleich meinen Freunden einen vorjammern, wenn die vor drei Monaten nach dem Niederbrand ihres Hauses mit sehr, sehr wenig Gepäck nach Deutschland gereist kamen und die haben nicht nur ein paar wieder beschaffbare Sportsachen verloren. Ich habs um es vorwegzunehmen einigermaßen hinbekommen, netterweise haben sie mich an der Greyhound-Station mit dem Auto abgeholt und sich genau wie ich dann riesig gefreut – besonders weil sie bis zuletzt nicht an mein Kommen geglaubt haben, hatte es zuvor schon zu oft angedroht. Kaz hat dann auch direkt den Kontakt, eine ehrlichere Beschreibung wäre die Konfrontation mit dem Busfahrer aufgenommen und diese am Abend und dem nächsten Morgen telefonisch mit für mich anscheinend dem halben Unternehmen weitergeführt. Die Resonanz war allerdings sehr ernüchternd, frühestens in 5 Tagen wäre mit einer Antwort zu rechnen – Willkommen in den Rockies, dann eben hauptsächlich arbeiten und eben no Fun ohne Fun-Bag.

Weil das alte Zuhause meiner Gastfamilie wie beschrieben in Flammen aufgegangen ist, haben sie den Januar über bei Kaz Eltern in einem Haus direkt am Berg gewohnt und konnten erst jetzt Anfang Februar in das neu und noch nicht ganz fertig ausgebaute Holzhaus eines Freundes zur Miete einziehen. Es ist aus massiven Holzstämmen gebaut und sehr gemütlich, leider hat es keinen Kamin oder Holzofen, das morgige Holzhacken musste also auch hier der kanadischen Bequemlichkeit weichen. Ich bewohne einen ausgebauten Raum im Keller. Der ist zwar noch komplett leer, wird nun aber nach und nach mit Mobiliar bestückt, dafür habe ich unten ein nur von mir genutztes und wohlbemerkt nagelneues Bad.
Der erste Tag verging sehr entspannt mit Tasche auspacken, Kochen und Essen, Einkaufen gehen – als Pascal und ich wiederkamen blinkte der AB und Pascal hörte ihn ab, ich war grad in der Küche. Lass mal zur Greyhound-Station fahren, die haben vielleicht dein Bag gefunden, hier ist so einen Nachricht drauf sagte er dann plötzlich breit grinsend. Den Tag über hatte ich den Verlust schon versucht so gut es geht zu verdrängen und mich mit der Situation abzufinden versucht. Wenn es wieder auftaucht, sieh es als ein Geschenk, denn zu erwarten ist es nicht, erst recht nicht nach den Eindrücken die Kaz Telefonate von diesem Chaosunternehmen ergeben hatten. Also ab zur Station und ich hab mich schon sooo gefreut und war gespannt, wie ein Kind am heiligen Abend. Pascal meinte er würde es erst glauben wenn er es vor sich sehen würde – hat eben schon mehr Erfahrungen mit Kanadiern und Greyhound. Doch es war tatsächlich da, vollkommen unversehrt und ich wollte irgendwie die ganze Welt umarmen. Da aber grad nur Pascal da war hat er die volle Ladung Freude abbekommen;-) Es war für mich wirklich wie Geburtstag und FCB-Meisterschaft in einem und bei nun notwendigem Feiern fiel mir seltsamerweise nur ein herrlicher Überkonsum Alkohol ein – leider, zumindest in diesem Moment der endorphinüberdosisgeschwängerten Glückseeligkeit, trinken weder Kaz noch Pascal Alkohol und so sind wir ein richtig dickes Eis essen gegangen,herrlich, berauscht vor Freude und Erleichterung war ich trotzdem den ganzen Abend über. Und die größte Belohnung war eh schon das Snowboardbag zu öffnen und sich über jeden einzelnen so sorgfältig zusammengekauften Gegenstand zu freuen, als hätte man ihn gerade neu geschenkt bekommen. Also alles wieder da, der Spaß kann nun endgültig beginnen. Auch hier haben mich die Kanadier als pessimistischen und überkritischen Europäer also wieder durchschaut und haben es geschafft, dass ich mich glücklicher und dankbarer fühle, als wenn alles einfach langweilig glatt gegangen wäre.
Liebes Tagebuch wunder dich bitte nicht, ich bin es immer noch: André – mache grad nur viel Sport, orientiere mich an den Grundbedürfnissen des Menschen, ernähre mich vernünftig und trinke keinen Alkohol und komme etwas innerlich zur Ruhe…

9.2.07 20:44
 


bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Jenny (9.2.07 21:31)
Hey Du überkritischer und misstrauischer Europäer!!

Bist also doch noch nicht von nem entspannten canadischen Bären zum Frühstück vernascht worden! Die halten ja schließlich nur Winterruhe !
Dir ist aber schon klar, dass Du hier nicht von den süßen Vancouverianerinnen schreiben kannst ohne dem Anton entsprechendes Bildmaterial zukommen zu lassen, ne?

Lieben Gruß, Jenny


(12.2.07 11:20)
Hey Tenni,
du willst Nachrichten aus dem good old germany hören und hab ich da tatsächlich ein ‚schnief’ gelesen?
Also Schnee können wir hier nur im Fernsehen bei den Biathlon-Weltmeisterschaften sehen, aber dafür hält der Regen recht konsequent an. Zum Glück können ja auch wir noch mal unsere Boards im April auspacken …ansonsten hat sich hier nicht wirklich viel getan seit du den Kontinent gewechselt hast... wir besetzen noch immer die Wohnung neben deiner und vermissen jetzt schon die gemeinsamen Abende!- fürs Lernen am nächsten Tag vielleicht hilfreich, ansonsten ganz und gar nicht… Genieß die Zeit und ganz viel Spass weiterhin!

Liebe Grüße! Silke


Anton (12.2.07 14:43)
danke jenny, andre wo sind die bilder???

die hausherren trinken gar keinen alk? da passt du ja blendend rein

wir werden karneval auch abstinent bleiben!!


Benni (12.2.07 22:15)
Ist kein Kommentar, oder doch!
Cathrin und ich haben gerade zwei Flaschen "Le Filou" geleert. Dazu ein wenig Pernod und Martini, aber anteilsmäßig auf die Kostenstellen verteilt. Wir vermissen dich. Keiner der uns was wegtrinkt!
Nach der ersten letzten Klausur aber auch verständlich, Zwischenformatierung!
Wir sind bei dir und vermissen unser Gast"kind"!

Deine Gasteltern!

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